Vier Sätze, die man über Stuttgart hört. Was davon stimmt.

Jede Stadt hat ihre Superlative, und die meisten davon werden weitergereicht, ohne dass jemand nachsieht. Ich habe bei vieren nachgesehen. Zwei stimmen nicht, einer muss genauer gefasst werden, und einer ist eine Behauptung, die niemand geprüft hat. Und dann gibt es die, über die keiner redet, obwohl sie halten.

„Der Fernsehturm ist der erste der Welt.“

Fast. Fernsehsender auf Türmen gab es vorher – der Berliner Funkturm strahlte schon 1935 Fernsehen aus. Was 1956 in Stuttgart zum ersten Mal stand, war ein Fernsehturm aus Stahlbeton mit einem öffentlich zugänglichen Turmkorb: ein freistehender Schaft, oben ein auskragender Korb mit Café und Aussichtsplattform. 216,6 Meter, gut vier Millionen Mark, entworfen von Fritz Leonhardt. Nach fünf Jahren hatte er sich über die Eintrittsgelder bezahlt gemacht.

Der Satz muss also nicht kleiner werden, nur genauer. Und das Nachspiel ist das eigentlich Erstaunliche: Der Typ machte weltweit Schule. Der Bauherr der Space Needle in Seattle kam 1959 nach Stuttgart und sah sich an, wie das geht. Der CN Tower in Toronto, die Türme in Wien, Frankfurt, Dortmund, Johannesburg – alle Nachfahren.

„Mit dem Fernsehturm hätte Stuttgart als einzige Stadt zwei Welterbestätten.“

Das stimmt nicht. Regensburg hat zwei – die Altstadt seit 2006 und den Donaulimes seit 2021. Berlin hat drei. In Europa gilt Ähnliches für Rom und Paris.

Was stimmt: Stuttgart hat eine Welterbestätte, seit 2016, nämlich die beiden Häuser von Le Corbusier in der Weissenhofsiedlung – Teil eines Welterbes aus siebzehn Bauten in sieben Ländern. Und der Fernsehturm steht seit dem 1. Februar 2024 auf der deutschen Tentativliste, das ist die Vorstufe zu einem Antrag. Wenn das gelingt, wäre das Besondere nicht die Zahl zwei. Es wäre, dass beide Stuttgarter Welterbestätten Bauten der Moderne sind – kein Dom, keine Altstadt, sondern zwei Zeugnisse des 20. Jahrhunderts. Das gibt es sonst nirgends.

„Die Königstraße ist die längste Fußgängerzone Deutschlands.“

Nein. Die Königstraße misst rund 1,2 Kilometer. Die Hauptstraße in Heidelberg kommt auf etwa 1,8.

Belastbar ist etwas anderes: Sie gehört zu den drei meistbegangenen Einkaufsstraßen Deutschlands. Und sie hat eine Zahl, die mir mehr sagt als jede Längenangabe – der Anteil der Filialisten liegt bei rund 93 Prozent. Neun von zehn Läden gibt es in jeder anderen deutschen Innenstadt genauso. Man kann einen Kilometer weit laufen und dabei nichts sehen, was es nur hier gibt.

Deshalb führe ich dort nicht entlang, sondern quer. Der Schlossplatz an ihrem oberen Ende gehört zu den schönsten Plätzen, die eine deutsche Stadt zu bieten hat. Aber der Weg dorthin ist nicht die Stadt. Die Stadt fängt zwanzig Meter neben der Königstraße an.

„Die Neue Weinsteige war Vorbild für die Alpenstraßen.“

Umgekehrt. König Wilhelm I. gab sie 1822 in Auftrag, gebaut wurde von 1826 bis 1831 nach Plänen von Eberhard von Etzel, für 76.000 Gulden. Die Alpenstraßen waren da längst fertig: die Simplonstraße 1805, der Splügen 1822, das Stilfser Joch 1825.

Was die Neue Weinsteige besonders macht, ist trotzdem wahr, nur anders: Hier wurde die Technik der alpinen Serpentinenstraße mitten in eine Residenzstadt gelegt. Ihre Vorgängerin war so steil, dass Fuhrwerke bis zu sechzehn Pferde brauchten.

Die Superlative, über die keiner redet

Der Schwabtunnel von 1896 war der erste städtische Straßentunnel im Deutschen Reich, mit 10,5 Metern bei der Eröffnung der breiteste Straßentunnel Europas – und der erste Tunnel der Welt, in dem Straßenbahn, Pferdefuhrwerk, Fahrrad, Fußgänger und ab 1900 auch das Automobil gleichzeitig unterwegs waren.

Die Zacke von 1884 ist die einzige Zahnradbahn Deutschlands, die im ganz normalen Nahverkehr fährt – 17,8 Prozent Steigung, jeden Tag, mit Monatskarte. Die älteste ist sie nicht, das ist die Drachenfelsbahn.

Die Standseilbahn zum Waldfriedhof war 1929 die erste halbautomatische Standseilbahn der Welt. Sie fährt bis heute, mit Wagen aus Teakholz.

Und dann die Sache, die man nicht sieht: Weil im Stuttgarter Netz Steigungen von 8,5 Prozent vorkommen, wurde für diese Stadt eine eigene Stadtbahn gebaut, der DT 8 – mit Antrieb auf allen acht Achsen. Anderswo braucht das niemand.

Und der Bosch-Schriftzug?

Der über der A 8, am Parkhaus der Messe: Buchstaben von acht Metern Höhe, vier Tonnen das Stück, achtzehntausend Leuchtdioden, das B von innen begehbar. Dass er nach dem Hollywood-Schriftzug der zweitgrößte der Welt sei, sagt die Messe selbst – geprüft hat das niemand, und schon die Maße widersprechen sich je nach Quelle.

Muss er auch nicht. Das Parkhaus ist über die Autobahn gebaut, und der Schriftzug steht quer darüber. Wer Richtung München fährt, hat ihn nicht am Straßenrand, sondern minutenlang frontal vor sich – ein Firmenname, auf den man zufährt, bis man darunter hindurch ist. Das muss kein Rekord sein. Es reicht, dass es so gebaut wurde.

Was ich daraus mitnehme

Stuttgart braucht die geschönten Rekorde nicht. Eine Stadt, die eine eigene Stadtbahn bauen lassen musste, weil sie zu steil für die normale ist, hat genug erzählt.

Wie steil, merkt man auf dem Bummel Der Kessel von oben. Gefahren wird trotzdem.