Ein Pfund Kaffee kostete einen Tagelohn

Meine Mutter erinnert sich an eine Rechnung. Ein Pfund Kaffee, mehr stand nicht darauf. Sie weiß nicht mehr, wo sie sie gesehen hat, und ob sie noch irgendwo liegt, weiß auch niemand. Geblieben ist die Erinnerung an das Erstaunen: dass man dafür eine Rechnung schrieb.

Man schrieb sie, weil ein Pfund Kaffee etwas wert war.

Die Zahlen

In den württembergischen Statistischen Handbüchern von 1903 und 1912 steht derselbe Preis: rund 1,60 Mark für ein Pfund Kaffee. Ein württembergischer Taglöhner verdiente 1909 zwischen zwei und drei Mark am Tag, eine Taglöhnerin zwischen 1,40 und zwei Mark. Ein Streckenarbeiter der württembergischen Staatseisenbahn kam 1912 auf ungefähr zwanzig Mark in der Woche.

Ein Pfund Kaffee war also, je nachdem, wer ihn kaufte, ein halber bis ein ganzer Tagelohn. Oder knapp ein Zwölftel dessen, was eine Woche Arbeit einbrachte. Dafür schreibt man eine Rechnung.

Getrunken wurde trotzdem Kaffee – nur eben selten der echte. In den meisten Haushalten stand Ersatzkaffee auf dem Tisch: geröstete Zichorienwurzel, später Malz. Die Firma Kathreiner ließ sich 1892 ihren Malzkaffee patentieren und verkaufte ihn ab 1891 mit dem Namen und dem Porträt von Sebastian Kneipp darauf – um 1900 waren das sechzehn Millionen Pfundpackungen im Jahr. Bohnenkaffee war Sonntagsware. Zum Alltagsgetränk wurde er erst in den fünfziger Jahren, als die Kaffeesteuer fiel.

Das Haus, durch das er lief

Wer wissen will, wo dieser Kaffee herkam, muss nach Bad Cannstatt.

Am Bellingweg steht ein langes Gebäude aus Backstein und Sichtbeton, 1921 gebaut vom Stuttgarter Architekten Albert Schieber. Bauherr war der Großeinkaufsverein der Kolonialwarenhändler Württembergs – GEKAWE. Das war eine Genossenschaft: Hunderte kleine Ladenbesitzer taten sich zusammen, um gemeinsam so günstig einzukaufen wie ein Warenhaus. Kontor und Lager, mit eigenem Gleisanschluss zum Cannstatter Güterbahnhof. Hier wurde nicht geröstet, hier wurde umgeschlagen: Kaffee, Kakao, Tee, Zucker, Reis, Gewürze, Tabak.

Das ist übrigens, was „Kolonialwaren“ heißt – eine Warengruppe, keine Herkunft. Den Begriff gab es lange vor den deutschen Kolonien, und die Läden hießen bis in die siebziger Jahre so.

Seit 2011 ist in diesem Haus das Stadtarchiv Stuttgart. Zehn Regalkilometer, gut vier Millionen Stücke, das älteste aus dem 16. Jahrhundert. Der Umbau kostete rund zwanzig Millionen Euro und bekam im selben Jahr die Auszeichnung „Beispielhaftes Bauen“. Ein Lagerhaus für Kolonialwaren, das ein Lagerhaus für Papier geworden ist – die Nutzung hat sich geändert, die Aufgabe nicht.

Warum ich gern dort bin

Ich recherchiere im Stadtarchiv, weil dort die Dinge liegen, die in keinem Buch stehen. Der Lesesaal ist gebührenfrei, einen Termin braucht man nicht, nur einen Ausweis für die Anmeldung. Man bestellt vormittags und bekommt nach einer halben Stunde einen Karton auf den Tisch.

Die Rechnung meiner Mutter werde ich dort vermutlich nicht finden. Rechnungen kleiner Händler hat fast niemand aufgehoben – sie waren Papier für den Papierkorb, sobald bezahlt war. Aber irgendeine Kolonialwaren-Rechnung aus Stuttgart wird sich finden lassen; dafür ist das Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg in Hohenheim die richtige Adresse, das hat eine eigene Sammlung von Briefköpfen und Rechnungen. Wenn ich sie habe, steht sie hier.

Wo man das sieht

Bellingweg 21, Bad Cannstatt, ein paar Minuten von der Stadtbahnhaltestelle Neckarpark. Von der Straße aus kann man das Haus in Ruhe ansehen. Wer hineinwill: Das Stadtarchiv führt an jedem ersten Mittwoch im Monat um 17:30 Uhr kostenlos durch das Haus.

Bad Cannstatt ist auch der Stadtteil, in dem der Bummel Das Wasser unter der Stadt beginnt. Zwei Sorten Reichtum an einem Ort.