Wer im Mittleren Schlossgarten unterwegs ist, kommt daran vorbei. Ein Stück Arkadengang, ein paar Gewölbe, davor eine breite Treppe, die sich in zwei Läufen nach oben teilt – und oben ist nichts. Die meisten halten es für eine hübsche Parkruine. Das ist es auch. Aber es ist der Rest des Gebäudes, das einmal das berühmteste in Stuttgart war.
Ein Saal ohne eine einzige Stütze
Herzog Ludwig von Württemberg ließ den Grundstein am 23. Mai 1584 legen. Neun Jahre später war das Neue Lusthaus fertig, und Ludwig starb im selben Jahr. Sein Baumeister war Georg Beer; unter den jungen Leuten auf der Baustelle war ein Mittzwanziger aus Herrenberg namens Heinrich Schickhardt, der später selbst Hofbaumeister wurde.
Das Haus maß etwa 77 mal 34 Meter. Im Obergeschoss lag ein Festsaal von rund 58 Metern Länge, 20 Metern Breite und fast 15 Metern Höhe – ohne eine einzige Stütze darin. Das Dach trug sich selbst, über einer bemalten Tonnendecke, und im Dachstuhl steckten zum ersten Mal Metallschrauben. Unten, in der Halle, standen 27 Säulen und drei Wasserbecken. In den Arkaden schauten 65 Porträtbüsten württembergischer Vorfahren auf die Gäste herunter.
Das sprach sich herum. Baumeister aus ganz Deutschland reisten an, um sich das Dachwerk anzusehen, und bauten es nach. 1603 nannte der englische Gesandte Lord Spencer das Haus eines der stattlichsten Lusthäuser der ganzen Christenheit. Ein Augsburger Kaufmann schrieb vom irdischen Paradies. Um 1616 stach Matthäus Merian Lusthaus und Lustgarten – unter anderem ein Tanzfest mit Gästen aus zwölf Nationen.
Warum es weg ist
Weil es aus der Mode kam. 1750 baute Herzog Carl Eugen den Festsaal zur Oper um; die Renaissance-Ausstattung ging dabei verloren. 1811 wurde ein Hoftheater daraus. Und 1844/45 ließ König Wilhelm I. das Ganze abbrechen – zu altmodisch für ein Hoftheater, wie er es sich vorstellte.
Ein Mann hat damals das Richtige getan. Der Architekt Carl Friedrich Beisbarth zeichnete vor dem Abbruch alles auf: 514 Blatt Bauaufnahmen, heute in der Universitätsbibliothek Stuttgart. Deshalb wissen wir überhaupt, wie das Haus aussah. Ein paar Bauteile wurden gerettet. 1904 setzte man sie im Schlossgarten als Ruine wieder zusammen.
Und hier kommt der Punkt, den kaum jemand weiß: Die Ruine steht nicht dort, wo das Haus stand. Das Lusthaus stand am Schlossplatz, ungefähr da, wo heute das Kunstgebäude steht. Die Treppe im Park ist eine Ruine, die man dorthin getragen hat, weil es dort gut aussah. Die 65 Ahnenbüsten stehen übrigens seit dem 19. Jahrhundert auf Schloss Lichtenstein.
Der Baumeister, der nicht im Bett starb
Heinrich Schickhardt, der als junger Mann auf dieser Baustelle war, wurde im Winter 1634/35 von Soldaten erstochen – Dreißigjähriger Krieg, marodierende Truppen. Er soll eine Frau seines Haushalts verteidigt haben. Wo genau das war, Stuttgart oder sein Geburtsort Herrenberg, sagen die Quellen unterschiedlich, und für den Todestag kursieren drei Daten. Die älteste Überlieferung erklärt das: Er wurde verwundet und starb erst drei Wochen später.
Nicht zu verwechseln mit Wilhelm Schickard, dem Tübinger Professor, der die erste Rechenmaschine baute. Der starb ebenfalls 1635, aber an der Pest. Zwei Männer, zwei Schreibweisen, ein Todesjahr – die Verwechslung ist so alt wie hartnäckig.
Wer Schickhardt heute sterben sehen will, kann das: Ein Verein für schwäbische Mundart hat 2026 ein kurzes, mit künstlicher Intelligenz erzeugtes Video veröffentlicht, das den Mord inszeniert und dabei das Lusthaus von innen und außen zeigt – Saving Heinrich Schickhardt. Es ist sehenswert. Nur eines ist es nicht: ein Beleg. Wie das Haus wirklich aussah, steht auf Beisbarths 514 Blättern.
Wo man das sieht
Die Ruine steht im Mittleren Schlossgarten, östlich des Hauptbahnhofs – vom Bahnhof aus etwa fünf Minuten in den Park hinein, Richtung Neckar. Sie ist frei zugänglich, Tag und Nacht. Route öffnen
Vom Schlossplatz sind es rund fünfzehn Minuten zu Fuß. Wer diesen Weg nimmt, geht an der Stelle vorbei, an der das Haus tatsächlich stand – und merkt, wie weit die Ruine von ihrem eigenen Ursprung entfernt liegt.
Auf dem Bummel Wie Stuttgart wurde, was es ist stehen wir an beiden Stellen: erst am Kunstgebäude, dann an der Treppe.